Ich habe eigentlich ein wenig das Gefühl, dass wir uns im Kreis drehen - wir haben grundlegend verschiedene Ansichten und mir fallen immer wieder die selben Antworten auf deine Aussagen ein. Dennoch versuche ich es nochmal und werde im Zweifelsfall einfach akzeptieren, dass unsere Realitäten anderen Gesetzen zu folgen scheinen.
Ob ich noch nie Jemanden getroffen habe, dessen Geschlecht ich nicht sicher bestimmen konnte - die Frage muss ich ganz klar verneinen. Nein, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der in meiner Wahrnehmung kein binäres Geschlecht hatte. Das heißt aber nicht, dass ich Demjenigen das Geschlecht zuordne, was genetisch vorhanden ist. Als ich meinen Exfreund kennenlernte, wussten wir beide nicht voneinander, dass wir da gerade in eine Beziehung mit einem Transsexuellen schlittern und für mich war er von Anfang an ein Mann, was sich zu keiner Zeit verändert hat. Als ich vor ein paar Jahren eine heute noch gute Freundin kennenlernte, wusste ich ebenfalls nicht, dass sie als Junge geboren wurde - stattdessen würde ich ohne jeden Zweifel behaupten, dass sie eine der schönsten Frauen ist, die ich kenne und auch an diesem Bild hat sich mit dem Wissen um ihre Genetik nie etwas verändert. Ich sehe manchmal auch Menschen, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob das nun ein etwas femininerer Junge ist oder einfach eine etwas maskulinere Frau - allerdings überwiegt dann immer eines von Beidem in meiner Wahrnehmung, einfach weil Gestik, Mimik, Wortwahl oder Irgendetwas mir intuitiv vorgibt, als was ich diesen Menschen wahrnehme. Das funktioniert unabhängig davon, wie sich die Person fühlt oder welche Genetik vorhanden ist und es funktioniert automatisch.
Deswegen fürchte ich auch, dass ich deine Aussage nicht so stehen lassen kann, wenn du selbst von dir behauptest, dass du manchmal männlich und manchmal weiblich wirkst - du wenige Sätze später aber selbst anmerkst, dass man dich anhand deiner Außenwirkung wohl klar weiblich einstuft. Das widerspricht sich und ich muss davon ausgehen, dass es bei dir so ist, wie bei allen nonbinären Personen, die ich bislang erlebt habe - sie nehmen sich selbst nonbinär wahr und möchten gerne, dass das als Wahrheit in den Köpfen aller Anderen übernommen wird, aber die Realität sieht einfach anders aus und das liegt meistens nicht daran, dass es abgelehnt würde, auf die nonbinäre Person einzugehen, sondern daran, dass die Allgemeinheit einfach nicht taub und blind gleichzeitig ist. Wir nehmen wahr, wen wir vor uns haben, sobald wir den Rechner aus machen und Menschen nicht nur als Schrift auf einem Bildschirm sehen. Ich weiß eigentlich auch gar nicht, wieso du nicht verstehen kannst, dass Menschen das nicht absichtlich tun, um dich zu ignorieren, sondern weil du scheinbar wirkst, wie du eben wirkst - das ist keine Sache, die sich deine Umwelt aussucht.
Dass mit der Intoleranz und den Begrifflichkeiten... da muss ich klar widersprechen. Mag vielleicht an einem Altersunterschied zwischen uns liegen (kann ich nur vermuten), dass du es nicht anders kennst und das Gefühl hast, es gibt schon ewig zig Gender, von denen man sich das passende raussucht - mit Jinxi hatte ich es aber z.B. schon öfter darüber, dass wir uns sehr alt vorkommen, wenn wir über solche Dinge lesen, weil das nicht die Sorte Identitätsfindung ist, dir wir Mal hatten und das Alles so fremd wirkt, wie es vermutlich für unsere Eltern war, als wir das erste Mal mit bunten Haaren nach Hause kamen. Was die Staaten angeht, kann ich dagegen versichern, die waren schon so, als ich Kind war und vor mir vermutlich noch sehr viel intoleranter, als sie es heute sind. Intoleranz kam also nicht als Antwort, sondern andersrum und das ist auch der Grund, warum viele Dinge, die hier in Deutschland schräg wirken, plötzlich viel mehr Sinn machen, wenn man sich die amerikanische Importware in ihrem originalen Umfeld ansieht. Feminismus kann da auch ein Lied von singen, aber über den will ich nicht schonwieder anfangen.
Zu deinem letzten an mich gerichteten Punkt muss ich gestehen, ich bin ein wenig sprachlos. Mir ist absolut klar, dass du das sehr unbedarft betrachtest mit der Konstellation zwischen nonbinär und trans - mir ist auch klar, dass du da eigentlich versuchst, soetwas wie eine freundschaftliche Koalition zu beschreiben und im Endeffekt will auch Niemand nonbinäre Personen von Plattformen ausschließen oder Dergleichen. Leider werde ich teilweise aber wirklich ein bisschen sauer, wenn ich deine Beschreibung darüber lese, wie du gegenseitige Gerechtigkeit beurteilst und wirklich zu glauben scheinst, dass Unterstützung so aussehen soll. Vermutlich würde man mehr Unterstützung ganz freiwillig bekommen, wenn man sie sich nicht einfach indirekt erzwingt und auch ein bisschen Eigenverantwortung dazu beiträgt.