Ich weiß nicht, wie das nun passiert ist, aber jetzt sind wir an einem Punkt, an dem wir - denke ich - nicht mehr aneinander vorbei reden. Zumindest habe ich das Gefühl, dass ich Alles ganz handfest nachvollziehen kann, was du schreibst, ohne mich wirklich erst reindenken zu müssen.
Fangen wir also von diesem Punkt aus an. Was du dafür tun kannst, nicht weiblich wahrgenommen zu werden, kann ich dir leider so genau gar nicht erklären. Klar gibt es die Diskussion bei Trans genauso, wie das nun mit dem Passing aussieht - Manche schwören darauf, sich ganz bewusst Verhaltensweisen anzueignen, die sie als typisch für das Gegengeschlecht empfinden und Andere raten eher davon ab, zu schauspielern. Ich würde davon abraten. Stattdessen denke ich, dass es erstmal hilfreich wäre, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie dich deine Umwelt eigentlich aktuell wahrnimmt - das kannst du zum Beispiel machen, indem du Mal eine Kamera aufstellst, wenn du alleine bist und dich einfach Mal aufnimmst, wenn du Telefonierst, um zu hören, wie du sprichst oder wenn du gerade aufräumst oder was anderes aktiveres machst, um zu sehen, wie deine Motorik aussieht. Erst wenn du kennst, wie du wirkst, kannst du daran etwas verändern, ohne wen Fremdes zu kopieren oder künstlich zu wirken - und nur wenn du dich wirklich von außen wahrnimmst, merkst du den Unterschied zwischen deiner Selbstwahrnehmung und der Fremdwahrnehmung.
Das mit dem Binder halte ich weniger für ein Problem - die meisten Menschen achten gar nicht so sehr darauf, welche Körperstellen vielleicht ein wenig weiblicher wirken. Auffälliger ist alles das, was man tut, nicht wie man als Körper aussieht, solange es nicht absolut offensichtlich ist.
Genau das ist aber tatsächlich auch der Punkt, an dem ich das nonbinäre Konzept in deinem persönlichen Fall ernst nehme, denn ich lehne es grundsätzlich ja so oder so schonmal nicht ab - ich toleriere es wirklich, aber ich nehme es an einer Person erst dann ernst, wenn Derjenige nicht nur davon redet, was er ist und ich das dann im Kopf umsetzen soll, sondern da eben auch eigene Leistung kommt.
Was Gender-Entwicklung in der Geschichte angeht... trockenes Thema, aber ich sags Mal so - jeder Mensch ist auf seine Weise anders und ganz sicher waren das Menschen schon immer in jede Richtung, die man sich irgendwie denken kann. Dass es da nun einen Unterschied gibt und ich unseren Altersunterschied ansprach, liegt einfach daran, dass wir alleine deswegen sicher schon einen unterschiedlichen Blick auf Ausprägungen haben. Für dich ist alles das nah an dir dran, was in deinem ungefähren Altersbereich stattfindet und für mich ist alles das gefühlt nah an mir dran, was in meinem Altersbereich gängig ist. Wenn du dir jetzt Leute in meinem Alter ansehen würdest, dann würden die ganz viele Dinge tun, die ich für normal halte und die mir nicht auffallen - während du bei Manchem davon ganz sicher sagen würdest, das wirkt irgendwie schräg. Andersrum ist das exakt genauso. Wenn zu dir Jemand kommt, der so alt ist, wie du auch und dir sagt 'hey, ich bin übrigens trans/nonbinär/xy-nicht-cis', dann ist das für dich eine Information, die du vermutlich annimmst und die der Wahrheit entspricht, auch wenn das gefühlt jeder dritte Jugendliche sagt. Für mich ist es schräg und nicht zwangsläufig die Wahrheit. Für die meisten Transsexuellen, die ich kenne übrigens auch, aber die sind ungefähr in meinem Alter und haben dementsprechend den selben kritischen Blick auf sowas.
Das liegt einfach daran, dass man sich daran erinnert, was man selbst vor entsprechend vielen Jahren so gemacht hat und das meiste davon... ich sags Mal so, man hat Vieles gemacht, um irgendwie 'anders' zu sein und für fast Alles davon würde ich mich heute selbst belächeln. Klar wird es genug Jugendliche geben, die eben wirklich so sind, aber bei den Meisten ist es eine Phase, die vorbei geht, wenn es out wird und der Trend ist derzeit eben das nicht-cis-sein. Damit meine ich aber nicht dich speziell, sondern allgemein die derzeitige Bilanz unter Jugendlichen, die höher liegt, als irgendwie nachvollziehbar wäre.
Auch dein letzter Absatz klingt diesmal völlig anders, als der im letzten Post. Dass ich ausschließlich Transsexuelle kenne, die genau andersrum ticken, als Diejenigen, die du kennst - ich denke, das ist das Ding mit der Wahrnehmung Gleichaltriger. Dennoch würde ich sagen, die Bereitschaft für Unterstützung der nonbinären Geschlechter ist da - mir würde auch nicht einfallen, wieso ich nicht darauf reagieren soll, wenn Jemand um Hilfe bittet. Der Punkt ist nur, wir werden nicht gefragt und wir haben nicht die Wahl, wie wir helfen. Es wird in unserem Namen einfach gehandelt und wir dürfen dann irgendwie wieder gerade rücken, was aus dem Bild von trans entsteht und das ist eben der Punkt, ab dem für sehr Viele die Hilfsbereitschaft aufhört. Für Trans tun wir selbst schon genug, das ist nicht die Baustelle nonbinärer Geschlechter, deshalb wäre es vermutlich sogar sehr viel Konstruktiver, Transsexuelle in euer Boot zu holen - statt in unser Boot zu springen und es zu kentern. Ich glaube, der Vergleich beschreibt einigermaßen, was ich meine.
Was du mit gewaltsam am Ende meinst, verstehe ich nicht ganz - in der Regel hilft Gewalt bei gar Nichts. Kommunikation ist da die bessere Lösung und die würde zum Beispiel darin bestehen, zu seinem Geschlecht zu stehen, wenn man von Anderen möchte, dass sie es respektieren. Es ist völlig egal, ob Jemand nicht weiß, was nun Nonbinary ist, solange es sich Derjenige erklären lässt und dich toleriert - gut finden muss ers nicht und er darf dich trotzdem sehen, wie er möchte, aber tolerieren muss er es. Und ich bin mir sicher, jeder Transsexuelle, der es mitbekommt, wenn Nonbinary wirklich diskriminiert wird, wäre hilfsbereit genug, dann mit ins Boot zu kommen und das ist die einzige Art und Weise, wie Unterstützung fair funktionieren kann.