Ich glaube grundsätzlich erstmal nicht, dass es ganz schlecht ist, wenn man Probleme dabei hat, anderen Menschen zu vertrauen - gerade dann, wenn man Diejenigen gerade erst kennen lernt, denn Vorsicht ist ja generell besser als Nachsicht. Trotzdem kann ich verstehen, dass es zum Problem wird, wenn man eigentlich das Gefühl hat, man sollte Vertrauen können, aber bekommt es eben nicht hin.
Ich weiß nicht, ob ich sagen würde, dass ich das selbe Problem habe - das heißt, eigentlich weiß ich, dass ich es auch habe, aber ich halte es für mich persönlich nicht unbedingt für ein Problem, so lange ich das irgendwie handhaben kann. Natürlich bin ich kein Therapeut, daher erwähne ich hier Mal, dass man sich trotzdem echte Hilfe holen sollte, sobald die Vertrauens-Unfähigkeit wirklich zum Problem in alltäglichen Situationen wird, aber ich kann zumindest wiedergeben, was ich zu dem Thema aus Therapien mitgenommen habe.
Es ist eigentlich erstmal ganz egal, zu welcher Art sozialen Angst man neigt - der Mechanismus dahinter ist immer, dass man sich selbst unterbewusst signalisiert 'wenn ich xy tue/xy nicht tue oder Jemand anderes xy tut/xy nicht tut -> dann passiert etwas Schlimmes'. Ob das rational eine logische Schlussfolgerung ist, ist dem Unterbewusstsein dabei völlig egal, denn es überprüft nicht, ob eine Gefahr besonders nahliegend ist und es überprüft auch nicht, ob es das Risiko zur Gefahr um einen bestimmten Preis eingehen möchte oder nicht.
Wenn jetzt also Jemand Angst davor hat, Anderen zu vertrauen, dann passieren da im Hirn Dinge wie:
'Mich fragt da gerade Jemand etwas sehr persönliches -> er wird meine Antwort doof finden und mich deshalb hassen'
'Ich möchte Jemandem sagen, dass ich ihn mag -> vielleicht mag ich ihn irgendwann aber nicht mehr und werde ihn dann nicht mehr los'
'Mir macht Jemand ein Kompliment -> er verarscht mich bestimmt nur und wird mich auslachen, wenn ich darauf eingehe'
Zwischen dem Auslöser und der Reaktion würden bei Menschen, die kein Problem mit Vertrauen haben, Gedanken ablaufen, die die Reaktion vorher überprüfen - zum einen, wie wahrscheinlich es ist, dass eine schlimme Erwartung eintritt und zum anderen, ob Derjenige das Risiko eingehen möchte, dass die schlimme Erwartung eintritt. Das heißt, diese Person kann sich ganz bewusst dafür entscheiden, eine negative Erfahrung zu machen und kann sie dann auch kommen sehen, wenn sich die schlechte Erwartung erfüllt.
Ein Mensch, der einigermaßen unfähig dazu ist, Anderen zu vertrauen, der überprüft die schlechte Erwartung nicht, weil sein Hirn schon für ihn entscheidet und Schadensvermeidung betreibt, denn das Unterbewusstsein berücksichtigt nicht, dass einem ja Etwas entgehen könnte, sondern es will schlechte Erfahrungen vermeiden, egal ob es gute Erfahrungen damit auch vermeidet.
Wenn man daran Etwas verändern möchte, dann kann man eigentlich nur dafür sorgen, die Dinge bewusst zu tun, die das Unterbewusstsein nicht macht - die schlechten Erwartungen überprüfen und ihren Risikowert abwägen. Wenn ich also die Situation habe:
'Mich fragt da gerade Jemand etwas sehr persönliches -> er wird meine Antwort doof finden und mich deshalb hassen'
Dann kann ich mir die Frage stellen, ob das eine begründete Angst ist. Würde ich meine Antwort doof finden, wenn ich an seiner Stelle wäre? Würde ich ihn hassen, wenn ich eine Antwort von ihm doof fände? Warum sollte er empfindlicher reagieren, als ich selbst? Wie schlimm wäre es für mich wirklich, wenn er meine Antwort doof findet? Will ich das Risiko eingehen, dass er mich doof finden könnte (immerhin kann er mich ja auch gut finden) ?
In der Regel erkennt man durch die Überprüfung, ob eine Situation wirklich ganz rational eher nicht vertrauenswürdig ist und das Unterbewusstsein mit gutem Grund auf die Bremse getreten ist - oder ob die Situation in Wahrheit sehr harmlos war und man Risikovermeidung betreiben wollte. Dann kann man sich entscheiden, wie man reagieren möchte, auch wenn man dadurch trotzdem nicht leichter vertraut - dafür vertraut man aber bewusster.