Die Adoption des türkischen Jungen Yunus durch ein lesbisches Paar aus den Niederlanden hat zu schweren Verwerfungen mit der Türkei geführt. Just jetzt wird Ministerpräsident Erdogan erwartet.
Wenn der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan an diesem Donnerstag in die Niederlande kommt, kann er sich auf einen kühlen Empfang gefasst machen. Die Stimmung zwischen beiden Ländern ist auf einem Tiefpunkt angelangt. Grund ist der neunjährige türkische Junge Yunus.
Auf Fotos sieht man einen fröhlichen Jungen mit dunklen Locken. Er selbst hat nichts getan, um den heftigen diplomatischen Streit zwischen den Niederlanden und der Türkei auszulösen. Das Problem ist: Yunus wächst bei lesbischen Pflegemüttern in Den Haag auf - und das ist für die Türkei inakzeptabel.
Seit Tagen schlagen die Wogen in türkischen Medien und der Politik hoch. Ein türkischer Junge dürfe nicht von nicht-muslimischen Niederländern und schon gar nicht von zwei lesbischen Frauen erzogen werden.
Die Welle der Empörung hat auch die Türken in den Niederlanden erreicht. Für Donnerstag wurden Demonstrationen angekündigt. Die Städte Den Haag und Rotterdam, die Erdogan besuchen will, sind in Alarmbereitschaft. Die Proteste wurden so bedrohlich, dass die Pflegefamilie mit Yunus untertauchen musste.
Flammender Appell
Die Empörung brach in der vergangenen Woche in der Türkei aus, nachdem die biologische Mutter des Knaben in einem flammenden Appell Regierungschef Erdogan um Hilfe gebeten hatte. Sie will ihren Sohn zurückbekommen oder zumindest, dass er den lesbischen Pflegemüttern weggenommen wird. Doch warum sie ausgerechnet jetzt die Kampagne in Gang setzte, ist unklar.
Denn Yunus lebt schon fast sein ganzes Leben lang in dieser Pflegefamilie. Das Vormundschaftsgericht hatte das damals vier Monate alte Baby den Eltern weggenommen, weil es «ernsthaft verwahrlost» war. «Yunus wird von seinen zwei Pflegemüttern liebevoll versorgt», betont das Jugendamt.
Für die Türkei geht es um eine prinzipielle Frage. Wenn türkische Kinder überhaupt an Pflegefamilien gegeben werden müssen, dann nur an türkische. «Es geht nicht nur um lesbische Eltern», sagte der Vorsitzende der Menschenrechtskommission des türkischen Parlaments, Ayhan Üstün, dem niederländischen Radio. «Wenn die Familie nicht will, dass ihr Kind an eine katholische oder jüdische Familie gegeben wird, dann muss das auch respektiert werden.»
Liberale Werte verteidigen
Die Kritik sei anmassend, befand der niederländische Vize-Premier Lodewijk Asscher und wies jede Einmischung zurück. Die Regierung will dem türkischen Premier am Donnerstag erklären, dass Jugendämter sorgfältig vorgehen und dass es eben viel zu wenig türkische Pflegefamilien gibt. Die Niederlande wollen aber auch ihre liberalen Werte, Religionsfreiheit und die Gleichstellung von Homosexuellen verteidigen.
Auch der Türkei geht es nicht nur um Pflegekinder. Für Ministerpräsident Erdogan ist Yunus ein willkommenes Symbol für seinen Kampf gegen die vermeintliche Verwestlichung der Türken im Ausland. Assimilierung sei sogar ein «Verbrechen gegen die Menschlichkeit».
Mit seinem selbstbewussten Auftreten gegenüber anderen westlichen Regierungen und mit nationalistischen Tönen will sich der Premier auch bei den Türken als künftiger Präsident profilieren. Im nächsten Jahr wird gewählt.
Bei dem erhitzten Streit wird einer völlig vergessen. Der türkische Junge könne lange unter diesem Streit leiden, warnt der Amsterdamer Professor für Pädagogik, Jo Hermanns, in der Tageszeitung «Trouw»: «Am Ende gibt es nur ein Opfer: Yunus.»
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