Ein kurzer Blick, ein knappes Lächeln. Für viele ist eine Urlaubsromanze nur ein kleiner Flirt oder ein prickelndes Abenteuer, das nach ein paar Wochen wieder ihr Ende nimmt. Ganz anders ist es für den jungen Elias.
Hallo Elias,
[...] Ich sehe dich immer noch vor mir stehen, ganz dicht bist du bei mir. Abschied ist nie schön. Ich habe Rotz und Wasser geheult, als du weg warst. Jetzt geht es etwas besser, weil ich mir gesagt habe, dass du ja schon bald wieder hier sein wirst. Aber eigentlich fühle ich mich immer noch recht mies. [...] Dein René. (Zitat von Seite 171)
Elias verlässt für zwei Wochen sein Leben in Deutschland, das er in einem wohlbehüteten und bürgerlichen Umfeld verbringt. Zusammen mit seiner Freundin Rebecca und anderen Kumpels genießt er die Ferienzeit, bevor er mit seinen Eltern zum Urlaub nach Holland fährt. Knapp 200 km trennen ihn nun von seinem Heimatort, doch auch am Meer findet er schnell Anschluss. Als er ein Dorffest besucht, lernt er René kennen, den er vorerst gar nicht so spannend findet - im Gegenteil: Zunächst weckt seine Schwester die Aufmerksamkeit des Jungen.
Bald trifft er sich aber auch mit dem gut aussehenden Holländer, der ihn fürs Joggen begeistert und Elias immer mehr sein Leben für ihn umstellt. Er gibt das Rauchen auf und versucht sich gesünder zu ernähren. Verwundert über diesen Wandel, beobachten auch Elias Eltern das ganze Szenario, merken jedoch nicht, dass sich im Inneren ihres Sohnes etwas verändert. Er fühlt sich immer mehr zu René hingezogen.
Michael Heistermann schildert in seinem Buch eine eher untypische Urlaubsromanze, die für Elias fast zur Katastrophe wird. Neben der großen Entfernung und den notorischen Geldproblemen eines Schülers, lebt der Junge in einem weniger toleranten Umfeld, in das er wieder nach dem Urlaub zurückkehren muss. Es wird jedoch auch am Beispiel seiner Freundin Rebecca gezeigt, dass Intoleranz nicht unbedingt aus Unverständnis resultieren kann, sondern ebenso aus verletzten Gefühlen. Besonders bei der Reaktion von Elias Eltern lässt sich erkennen, dass es manchmal notwendig ist in eine Art neues Leben zu flüchten und einen Neuanfang zu wagen, denn auch in der Coming-Out-Phase hilft vernünftiges Reden oftmals nicht. ?Das andere Gesicht? kommt dabei (fast) ohne Sexszenen aus, die in den meisten Schwulen-Romanen, welche momentan den Markt geradezu übersättigen, immer wieder aufgewärmt werden. Dabei scheinen die Autoren oft zu vergessen, dass es noch genügend LeserInnen gibt, die einen gewissen Grundanspruch an Literatur besitzen. Der Roman befriedigt zumindest einige davon und greift neue Aspekte des Coming-Outs auf, wenngleich die Vergewaltigung des Protagonisten fast obligatorisch und unnötig erscheint.
Heistermann, M.: Das andere Gesicht.
Himmelstürmer-Verlag Hamburg, 2007. 275 Seiten.
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